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Irland

Ring of Beara

Hinter dem Kenmare River verlassen wir endlich die stark frequentierte und von Killarney herkommende N 71 und befinden uns nun auf dem Ring of Beara. Die Ruhe um uns herum tut ausgesprochen gut. Wir hören den Regen, wie er auf das üppige Laubdach der Bäume niederschlägt und dazu das vereinzelte

Wilder Rhododendron und grünes Efeu wuchern zwischen den Bäumen und erreichen teilweise eine Höhe von sechs Metern. Staunend stehe ich vor einer Pflanze, die mit ihren riesigen Blättern an unseren Rhabarber erinnert. Nur mit dem Unterschied, daß die Blätter einen Durchmesser

 Fast urwaldartig ist die Gegend bei Dereen Garden.

 Wilder, in den schillernsten Farben blühender Rhododenron wuchert zwischen den Bäumen und bildet zusammen mit dem Efeu eine undurchdringliche Wand mit einer Höhe von bis zu 6 Metern.

und einem weiteren Bilderbuchsee. Nach 4 Kilometer erreichen wir total durchnässt unser Ziel. Nachdem wir uns geduscht, umgezogen und unsere nassen Regensachen zum Trocknen aufgehängt haben, entfache ich

 Teilweise sind die Bäume so vermoost, daß man ihre Rinde nicht sehen kann.

von vielleicht anderthalb Metern haben und die Pflanze bis zu 3 Metern hoch wird. Ein paar Meter weiter passieren wir einen vermoosten Baum, auf dessen Ästen teilweise munter der Farn wächst; und dann sind wir wieder auf 

der Hauptstraße , auf der wir anfänglich waren. Hör ich da nicht ein Rattern? Und tatsächlich, es ist der Traktor, dem wir einige Kilometer vorher begegnet waren. Der Regen wird nun heftiger. Zum Glück ist es bis zu der Jugendherberge, unserem heutigen Etappenziel, nicht mehr so weit. Wir überqueren eine alte Steinbrücke, die sich über zwei wunderschöne Seen spannt und biegen dannach in ein malerisches Seitental mit einem Bach

Eine abwechslungsreiche Landschaft mit üppiger Vegetation und viel Wasser finden wir in der Nähe von Dereen Garden vor.

 Subtropische Pflanzen überagen uns um Mannshöhe.

 So könnte es auch in Neuseeland aussehen!

 Die Jugendherberge liegt in einem bezaubernd schönen Seitental.

ein Kaminfeuer. Wir sind die einzigen Gäste hier in diesem kleinen und urigen Hostel und fühlen uns für diesen Abend als seine stolzen Besitzer. Noch ein paar gemütliche Stunden sitzen wir an dem prasselnden Kaminfeuer während der Regen draußen permanent an die Fensterscheibe klatscht. Dabei stellen wir uns bei einem wohltuenden Whisky vor, wie schön es wäre, wenn wir in diesem bezaubernden Tal für immer wohnen könnten.

 Kaminfeuer in der Herberge.

Am nächsten Morgen lächelt die Sonne freundlich zum Fenster hinein. Das ist für uns das Zeichen, aufzubrechen. Zunächst einmal radeln wir die 4 Kilometer zurück bis zur Hauptstraße, und dann geht es weiter am Meer entlang. Fast auf Meeresniveau und ohne sonderliche Steigungen radeln wir bis nach Ardgroom. Mir fallen auf dem Weg bis dorthin  die zahlreichen Bojen im Meerwasser auf. Ich glaube, daß die Fischer ihre Netze ausgebreitet haben und diese daran befestigt haben. Mittlerweile sind wieder dunkle Wolken aufgezogen und es sieht nach weiteren Regenschauern aus. Das ist das Irland, wie ich es kenne. Manchmal kommt der Regen so schnell, daß man nicht einmal die Zeit hat, seine Regensachen anzuziehen ohne dabei nass zu werden. Und fünf Minuten später scheint wieder

die Sonne, als wenn gar nichts gewesen wäre. Das Wetter wechselt in Irland ständig, von der einen Minute zur anderen. Dadurch ändern sich aber auch die Lichtverhältnisse. Das wiederum macht die Landschaft zusätzlich so interessant und dramatisch. Mal ist alles in gleißendes Licht eingetaucht, und Nebel- schwaden ziehen dabei über

das Land, und im nächsten Augenblick ist der Himmel so schwarz, daß man meinen könnte, der Weltuntergang stünde bevor. Je nachdem wie die Sonne scheint, werden die Schattenbilder von den dunklen Wolken auf die Berghänge projieziert. Fast gespenstisch huschen sie dann von einem Hang zum andern. Wenn der Wind noch dazu heult im Einklang  mit dem Rauschen des Meeres, und die Pfützen auf den Straßen anfangen zu dampfen, dann bekomme ich eine richtige Gänsehaut. Es ist ein unbeschreibliches  Gefühl, welches mich in dieser einsam,  wildromantischen Landschaft befällt. Tief überwältigt von seiner Herrlichkeit macht sich dann eine Art von Melancholie inmir breit. Je weiter wir Richtung Inselspitze fahren, umso dramatischer wird die Landschaft. In Ardgroom, einem kleinen Ort mit ein paar Häusern und einer Tankstelle, verlassen wir wieder die  

 Hier befinden wir uns auf der  Straße nach Ardgroom. Im Hintergrund liegt Dereen Garden.

Hauptstraße und befahren eine Nebenstraße, die am Meer entlangführt. Dieser stark zerklüftete Streckenabschnitt gehört für mich mit zu den schönsten auf Beara. Allerdings braucht man eine gute Kondition. Permanent geht es hoch und runter. Die Steigungen sind zwar nicht so hoch, dafür aber umso steiler. Sechzehn Prozent sind dabei keine Seltenheit. Bei den Abfahrten auf dem sehr rauhen, mit Schlaglöchern garnierten Asphalt, müssen wir höllisch aufpassen, damit wir nicht stürzen. An Abwechslung ist die Strecke kaum zu  

überbieten. Ein Panorama löst das andere ab, und während auf den windigen Anhöhen zwischen bizarrem Gestein und krüppeligem Baumbewuchs rauher Charme verbreitet wird, werden wir in den Senken auf Meeresniveau immer wieder von der Lieblichkeit und Fruchtbarkeit der subtropischen Pflanzen überrascht. Krasser kann ein Unterschied nicht sein, obwohl nur 200 Höhenmeter dazwischen liegen. Und dann passiert es! Susanne hat eine Panne. Der Hebelarm von der Pedale ist angebrochen. Eine Weiterfahrt bei den starken Steigungen ist nicht mehr möglich. Es bleibt uns nichts anderes übrig als zu Fuß bis zum nächsten Dorf zu gehen, um dann weiter zu sehen.

 Kurze und heftige Steigungen zwischen Ardgroom und Eyeries.

 Als wenn der Baum vom Wind geformt worden wär ...

 In den Tieflagen stoßen wir immer wieder auf kleine Oasen

 Herrliche Panoramen sind der Lohn für die schweißtreibenden Steigungen.

Nach fünf Kilometern tauchen die ersten bunten Häuser von Eyeries auf. So richtige Muße haben wir aber nicht, um uns diesen farbenfrohen Ort anzuschauen. Ein Einheimischer gibt uns den Tip, das 7 Kilometer entfernte Castletownbere aufzusuchen, weil es nur dort die Möglichkeit gibt, das Fahrrad reparieren zu lassen. Zum Glück gibt es auf dem Weg bis dorthin nur eine einzige langezogene,  aber nicht allzu starke Steigung, sodass Susanne ein vorsichtiges Radeln mit dem angebrochenen Pedalarm riskieren kann. Als wir die höchste Stelle  

erreicht haben, wissen wir, daß wir gewonnen haben, denn ab nun rollen wir nur bergab bis nach Castletownbere. Da heute Sonntag ist, müssen wir bis morgen warten. Wir finden ein Hostel am Hafen und quartieren uns dort ein. Hoffentlich klappt das mit der Reparatur morgen, denn wir werden wohl einen neuen Pedalarm komplett mit  Zahnkranz benötigen.

Wir haben Glück! In Castletownbere gibt es zwar kein Fahrradgeschäft. Aber der Super- markt führt nebenbei einen Fahradverleih, und einer der Mitarbeiter ist bereit, in der Mittagspause einen passenden Zahnkranz mit Tretkurbel einzubauen. Susanne will bis dahin im Ort bleiben. Ich aber unternehme in der Zeit eine Rundfahrt um die Inselspitze. Es ist die Strecke, die wir gestern

 Herrlich bunte Häuser finden wir in Eyeries vor.

 

ursprünglich noch fahren wollten, bevor uns die Panne den einen Streich spielte. Das Wetter ist wieder genauso wechselhaft wie gestern. Peschschwarze Wolken ziehen auf, und die Berge sind in diffusem Nebel eingehüllt. Ich nähere mich dem Dorf Allihies. Es wurde irgendwann einmal bei einem Wettbewerb zum buntesten Dorf Irlands gekürt. Das kann ich  mir gut vorstellen, denn ich habe noch nie so grelle Farben an Hausfassaden gesehen wie hier. In einem Pub stärke ich mich mit einer heißen Schoko- lade, denn das Terrain ist doch recht anstrengend. Hinter Allihies, an der Spitze Bearas, wird die Gegend ziemlich ein- sam. Ich radle durch eine dra- matische Landschaft zwischen wilden Klippen und schroffen Gebirgszügen. Die unterschiedlichen Lichtverhältnisse lassen das Szenarium um mich herum oft unwirklich erscheinen. Das ist das Irland wie ich es liebe! Circa 5 Kilometer hinter Allihies wendet

 Die Landschaft am Ende von der Halbinsel Beara besitzt einen herben und rauhen Charme.

Ständig wechselnden Lichtverhältnisse lassen die Landschaft oft unwirklich erscheinen.

 An der Spitze von Beara

sich der Weg vom Meer ab und schlängelt sich ins Gebirge. Dahinter müßte die Nordseite der Insel liegen, denke ich mir, während ich mich die Steigung hochquäle. Und so ist es auch! Oben am Pass angekommen bin ich überwältigt von dem Panorama. Vor mir liegt die Meeresbucht, die Beara und Kerry voneinander trennt. Dann drehe ich mich um und erblicke den offenen Atlantik hinter mir, der sich in seiner kompletten Breite zeigt. Schon allein dafür hat sich die Runde gelohnt, geht mir durch  den Kopf. Bis nach Castletownbere muß ich noch einige Male meine Raucherlunge quälen, bis ich nach vier Stunden dort eintreffe. Eine ungeduldige Susi wartet bereits auf mich. Kann

doch jetzt die gemeinsame Reise  fortgesetzt werden, nachdem das Fahrrad repariert worden ist. Und so geschieht es auch! Nach einer kurzen Pause beladen wir unsere Drathesel, und reiten an der Südküste weiter bis nach Glengarriff, unserem nächsten Highlight.

Zwitschern von Vögeln. Unterbrochen wird das alles von dem Rattern eines Traktors, der eine zeitlang hinter uns fährt, dann aber in irgend einen Nebenweg zu einem Gehöft abbiegt. Die Ruhe hier auf Beara wird uns um so mehr bewußt, nachdem wir den Auto und Busverkehr auf den Halbinseln Dingle, Kerry und um Killarney herum erlebt haben. Unser Sträßchen geht schon die ganze Zeit an bewaldeten Berghängen vorbei, die sich irgendwo im Nebel verlieren. Das ändert sich, als wir in Tuosist auf einen landwirtschaftlichen, aber asphaltierten Weg abbiegen, der durch eine felsige und bizarre Klippenlandschaft  führt. Acht Kilometer weiter erreichen wir einen Minihafen mit ein paar angerosteten und bunten Fischerbooten, die munter im Wasser schaukeln. Wir befinden uns nun in einer Bucht bei Dereen Garden und sind überwältigt von seiner üppigen Vegetation, die an einen Urwald erinnert. 

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