Von Holzminden bis nach Berlin

Holzminden liegt auf der Hälfte meiner Strecke bis nach Berlin. Immerhin, denke ich mir, als ich von  einer Kopfsteinpflasterstraße im historischen Ortskern durchgerüttelt werde. Dannach wird diese von glattem Asphalt abgelöst. Dafür aber geht es bergauf, denn ich verlasse das Wesertal, welches eingebettet im Weserbergland liegt. Der Solling, einer seiner Höhenzüge, wartet auf mich.

Im Großen und Ganzen besteht landschaftlich kaum ein Unterschied zum Lipperland. Ein paar  Steigungen muß ich anfangs bewältigen, die später auf den windigen Höhen kaum noch auftreten, da der R1 größtenteils über die Höhenkämme führt.

So wie im Lipperland sind auch hier die Farben gelb und grün dominierend.Wie große Teppiche liegen die Rapsfelder in der Landschaft. Sie bilden zu den grünen Wiesen und Wäldern einen angenehmen Kontrast. Ihr betörender Duft steigt mir in den Kopf.

Endlich erreiche ich mein Ziel, Einbeck und habe noch ein wenig Zeit, den Stadtkern zu besichtigen.

Ich bin beeindruckt von den vielen alten Fachwerkhäusern und kleinen Gassen.

 

In der Nähe von der Brauerei wohnt mein Dachgeber, den ich nun zielstrebig ansteure.Ein Gartenhaus außerhalb von der Stadt, inmitten von einem Naturschutzgebiet wird mir zu- gewiesen. Mit dem Schlüsselbund in der Hand und die knarrende Holztüre öffnend, betrete  ich ein traumhaft schönes Gartengrundstück mit einem sich durchschlängelnden kleinen

Bach. In dem Haus brennt bereits ein kleiner Kaminofen, und es riecht angenehm nach Holz. Mein Dachgeber hatte schon in weiser Voraussicht ein Feuer entfacht

und auf Vorrat klein gehacktes Holz für mich bereit gestellt. Eine Dusche gibt es nicht, dafür aber eine Handpumpe oder den Bach. Das Plumpsklo mit Herzchen auf der Türe befindet sich hinter der Gartenlaube. Ich sitze jetzt gemütlich in der Stube, trinke einen Brandy und höre dem Knistern des

Kaminfeuers zu. Später, als ich im Bett liege, höre ich bei offenem Fenster und frischer Abendluft das Plätschern vom Bach und falle in einen tiefen und traumlosen Schlaf...

Am nächsten Morgen geht es zeitig weiter. Ich habe beschlossen, den R1 kurz vor Goslar zu verlassen, da er ab hier dicht am Harz entlangführt. Die Steigungspfeile auf der Karte zeigen mir allzu deutlich, was mich auf diesem Streckenabschnitt erwarten würde.

Stattdessen weiche ich etwas weiter nördlich aus und durchradle das hügelige Harzvorland. Übernachten werde ich bei Dachgebern in Heiningen, Salzelmen und in Belzig. Ab hier kann ich wieder den beschilderten R1 benutzen. Intelligente Routenplanung nenne ich dies, denn ich habe weniger Steigungen und cirka 70 Kilometer abgekürzt.

Auf einer Bank mache ich eine kurze Pause und schaue sinnierend über den Fluß. Vor Jahren bin ich hier schon einmal gepaddelt.

Hinter Einbeck durchquere ich ein kesselartiges Tal. Irgendwann führt mein Weg über die Leine.

Wie durch ein großes Fenster sehe ich die Berge im Hintergrund. Einige Steigungen sind in Kürze zu bewältigen.

Die Talbrücke, die eigens für den ICE gebaut wurde, durchschneidet das Leinetal.

Später, in Bad Gandersheim sitze ich auf dem Marktplatz und genieße bei einer Tasse Kakao das Ambiente, welches mich umgibt.

Auf einem holprigen Feldweg kämpfe ich mich keuchend nach oben und bin gespannt, was mich dahinter erwartet.

Noch einmal werfe ich einen Blick auf den Harz, bevor ich ihm den Rücken zukehre und durch sein hügeliges Vorland weiter nach Heinigen radle.

Auf einem ehemaligen Gutshof leben meine Dachgeber. Von der einst stattlichen Kommune, die aus 25 Menschen bestand, sind nur noch 6 Leute übrig geblieben. Mit viel Liebe haben sie ein Stück Wildnis kultiviert und sich eine Wohnexistenz geschaffen. Am Abend teile ich mir die Kammer mit einem Zimmermannsgesellen, der auf der Walz ist.

Ich habe eine alte Wanderkarte geschenkt bekommen, die mir bei meinem jetzigen Etappenabschnitt sehr nützlich ist. Auf Schleichwegen durchquere ich das ehemalige immer noch einsame Niemandsland.

Auf 25 Kilometer Länge geht dieser schnurgerade Feldweg an der ehemaligen Zonengrenze vorbei.

Verschlafen liegt das urige Dörfchen Hornburg vor mir. Die Zeit ist hier stehen geblieben.

Ich erreiche Oschersleben. Wie bei so vielen anderen Orten endet auch dieser mit den Silben ...leben. Schon an Hand dieser Namensgebung erkenne ich, daß ich mich in der ehemaligen DDR befinde,  in diesem Fall in Sachsen Anhalt.

Auf dem Weg nach Bad Salzelmen, 15 Kilometer südlich von Magdeburg, wird das Land flach. Hier auf der Magdeburger Börde pfeift immer irgend ein Wind. Daher ist es auch nicht verwunderlich, daß ein Windmühlenpark den anderen ablöst. Die Börde ist ein sehr fruchtbarer Landstrich. Kilometerweite Felder ziehen sich bis zum Horrizont. Hochspannungsmasten in ihrer  Fluchtperspektive unterstreichen die Weite auf beeindruckende Weise.

Die Strecke von Salzelmen über Belzig bis zum Templiner See bei Potsdam bildet den letzten

Streckenabschnitt auf meiner Reise nach Berlin. Mit dem Überqueren der Elbe wird die Landschaft immer waldreicher. Die Luft ist angereichert mit viel Sauerstoff. Der harzige Duft von Kiefern liegt mir in der Nase

Plattenwege, Kopfsteinpflasterstraßen, Schotter oder Sandpisten prägen im vermehrten Maße die Wegbeschaffenheit meiner Route.

Ab Belzig fahre ich wieder auf dem R1. Unbeirrt führt er mich durch ein riesiges zusammenhängendes Waldgebiet. Erste Anzeichen deuten darauf hin, daß mein Ziel nicht mehr weit entfernt sein kann, denn immer mehr Autos mit Berliner bzw. Potsdamer Kennzeichen kommen mir entgegen und

als ich auf einer Autobahnbrücke stehe, weiß ich, daß ich mich am  Autobahndreieck Potsdam befinde und daß es bis nach Ferch an der Potsdamer Seenplatte nur noch fünf. Kilometer sind

Kurze Zeit später schimmert ein See zwischen grünem Dickicht, und mit einem Mal breitet sich eine Wasserlandschaft vor mir aus. Hurra, ich hab es geschafft! Bis zu meinem Campingplatz, den ich mir als Basislager für meinen Berlinaufenthalt ausgesucht habe sind es 8 gemütliche Kilometer am See entlang...

Fazit Die Strecke Nettetal - Berlin war  sehr abwechslungsreich. Insgesamt, wenn ich die 30 Kilometer vom Campingplatz bis nach Berlin Mitte dazurechne, habe ich 750 Kilometer zurückgelegt. Überwiegend befuhr ich kleine Nebenwege und hatte mit Autoverkehr kaum Kontakt. Die Beschilderung meiner Route war im Großen und Ganzen recht gut, bis auf ein paar Ausnahmen. In diesem Fall konnte ich allerdings auf die dazugehörigen Radführer zurück- greifen, die alle mit detailierten Kartenausschnitten versehen sind. Ein Manko auf dem Weg bis nach Berlin kann ich dennoch verzeichnen. Es gibt fast keinen Campingplatz auf der gesamten Strecke. Ein großer Nachteil für Camper oder für Leute, die wenig Geld in der Tasche haben. Kein Problem, wenn man Mitglied beim ADFC-Dachgeber ist. Auf der gesamten Tour bin ich überall herzlich aufgenommen worden, und es hat mich nichts gekostet. Zum Schluß möchte ich noch kurz die Radführer vorstellen, die ich auf meiner Tour benutzt habe.

Berlin und das nähere Umland

 

 

 

Übersicht Berlintour